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Wiederaufleben des Glaubens in Georgien

Eine alte, zwischen Asien und Europa gelegene Nation entdeckt das Heilige wieder

Von Molly Corso

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Eine Menschenmasse scharte sich um Bischof Tevdora Chuadze, als er am 23. November, dem Fest des heiligen Georgs, die Gläubigen in der Sankt-Georg-Kvashveti-Kirche in Tiflis segnete.

Hunderte von Gläubigen füllten die Kirche und strömten in den angrenzenden Hof, wo sie darauf warteten, die Patronatsikone des heiligen Georg zu küssen und zu verehren. An jenem Nachmittag übertrugen alle Fernsehsender Georgiens die Taufe des Sohnes des Präsidenten Mikheil Saakashvili durch das Oberhaupt der Georgischen Orthodoxen Kirche, Katholikos-Patriarch Ilia II.

An jenem Tag, etwa 15 Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion und dem Zerfall des von den Kommunisten auferlegten Atheismus, schien es so, als ob die georgisch-orthodoxe Kirche sich völlig erholt hätte. Eine unlängst erhobene Meinungsumfrage des Caucasus Research Resource Center fand heraus, dass 63 Prozent der Georgier der Kirche “völlig vertrauen” (Etwa 80 Prozent der 4,7 Millionen Einwohner Georgiens gehören der georgisch-orthodoxen Kirche an). Im Gegensatz dazu setzten nur 22 Prozent ein ähnliches Vertrauen auf Präsident Saakashvili.

“Die Menschen in Georgien waren sehr stark und verloren ihren Glauben nicht”, sagte Vater Giorgi Getiashvili von der Kvashveti-Kirche, einer der größten Kirchengemeinden der Hauptstadt. Unter der kommunistischen Herrschaft gingen die Menschen heimlich weiter zur Kirche. Und nach dem Fall der Sowjetunion wurde die Kirche wiedergeboren, wie Vater Giorgi erklärte. “Sie wurde befreit.”

Um eine klassenlose und von Aberglauben freie Gesellschaft zu schaffen, — die Georgien von den frühen 1920er Jahren bis 1991, als es eine Teilrepublik der Sowjetunion war, regierten — identifizierten die organisierte Religion naturgemäß als ein logisches Hindernis. Sie zerstörten Kirchen, Moscheen und Synagogen und nahmen Priester, Mönche, Nonnen und Gläubige gefangen oder töteten sie.

Ihre Bemühungen waren jedoch nur die jüngsten in einer langen Geschichte von Angriffen, die sich speziell gegen die orthodoxe Kirche Georgiens richteten, die wichtigste Glaubensgemeinschaft des georgischen Volkes, das im frühen vierten Jahrhundert als eine der ersten Nationen das Christentum annahm. Danach war Georgien, ebenso wie das angrenzende Armenien, in zahlreiche Kriege mit seinen Nachbarn verwickelt, insbesondere mit dem Persischen, Mongolischen und Osmanischen Reich, die allesamt bestrebt waren, die Kirche, die Stütze des georgischen Volkes, auszurotten.

Im 18. Jahrhundert suchte das belagerte Georgien bei seinem nördlichen Nachbarn Russland (also bei orthodoxen Mitchristen) Hilfe und Unterstützung. Im Jahre 1783 unterzeichneten das ostgeorgische Königreich Kartli-Kakheti und Russland den Vertrag von Georgievsk, der russischen Schutz versprach.

Innerhalb von 20 Jahren verleibten eine Reihe von russischen Dekreten Georgien dem Russischen Reich ein, trotz einigem georgischen Widerstand. Georgien verlor seine weltliche und seine kirchliche Autonomie. Ironischerweise eliminierte der orthodoxe Zar von Russland, nicht der muslimische Sultan in Konstantinopel, die Georgische Orthodoxe Kirche, indem er ihre Eparchien der Heiligen Synode der Russischen Orthodoxen Kirche unterstellte.



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