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Perspektiven

vom Generalsekretär

Treue

Von Robert L. Stern

Schulkinder in Amerika beginnen den Schultag gewöhnlich mit einem „Treueschwur“ „auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden“.

Treue ist in unserer Zeit ein geringerer Wert, als sie es einst war. In einer Feudalgesellschaft ist Lehnstreue ein entscheidender Wert. Jeder kennt in ihr seinen Platz.

Sie schwören die Treue dem gegenüber, der über ihnen ist (ihrem Lehnsherrn) und sind ihm gegenüber verantwortlich. Diejenigen, die unter ihnen sind, schwören ihnen (ihrem Herrn) die Treue, und sie haben Verantwortung für sie.

Viele andere Geschöpfe haben ähnliche Beziehungen. Bei Hühnern ist es deutlich, dass es eine „Hackordnung“ unter ihnen gibt. Auf dem Bauernhof weiß man, welcher Vogel der Boss ist.

Hunde regeln ihre Beziehungen sehr schnell; in einem Rudel ist es einfach zu erkennen, wer das „Alphamännchen“ ist.

Elefanten erkennen, wer die Matriarchin der Herde ist.

Bei alledem geht es um Herrschaft.

Wer ist der Dominus — der Herr, der Meister — für dich und mich?

Für den heiligen Paulus war das klar. Er wusste, wem er in erster Linie Treue schuldig war. Und so schrieb er an die Römer (Röm 14,7-8):

Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.

Wie schön wäre es, wenn wir alle ebenso wie Paulus unsere höchste Treueverpflichtung kennen würden.

Was ist mit denen, die uns ihre Treue schulden? Für wen sind wir, unter Gott, verantwortlich?

Oftmals sind unsere übrigen Beziehungen und Treueverhältnisse nicht besser als diejenigen zwischen Vögeln und Bienen, Hunden und Katzen, Elefanten und allen anderen Kreaturen.

Was sagt unser Herr uns über das Herrschen über andere? Der erste Teil der Antwort steht in der Genesis, wo es heißt, dass Gott die ganze Welt uns unterstellt hat (Gen 1,28):

Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

Die logische Konsequenz daraus ist, dass wir für die ganze Welt und alle Geschöpfe in ihr verantwortlich sind — eine Wahrheit, die in unserer gegenwärtigen Besorgnis um die Umwelt wieder neu Bestätigung findet.

Was ist mit unseren zwischenmenschlichen Beziehungen untereinander? „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ O ja. Daran erinnert uns der heilige Johannes (1 Joh 4,21):

Und dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben.

Jesus veranschaulichte dies auf drastische Weise, als er, der Herr und Meister, die Füße seiner Jünger wusch und ihnen so ein Beispiel gab, das sie nachahmen sollten.

Wenn wir unsere wahre Treueverpflichtung und unsere Verantwortlichkeiten kennen, dann haben wir einen Maßstab, der all unsere Entscheidungen und unser Leben bestimmen kann.



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