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Oliven als Existenzgrundlage

Der Anbau von Oliven in Palästina bringt mehr als nur Frucht

Von Hanne Foighel, Fotos von Ahikam Seri

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“‘Oliven sind Leben“, sagte Talha Darwish mit einem Lächeln und wiederholte ein palästinensisches Sprichwort: „Mit Oliven im Haus wird niemand je verhungern.“ Der 56-jährige pensionierte Lehrer ist heute für den Unterhalt seiner Familie in Al Khader, einem nach dem heiligen Georg benannten muslimischen Dorf bei Bethlehem, fast ausschließlich auf den Anbau von Oliven und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Weintrauben und Äpfeln angewiesen.

Schon lange betrachten die Palästinenser Oliven als ihre wichtigste Frucht. Im Hause der Darwish wird Olivenöl jeden Morgen mit Brot und zusammen mit am Ort angebautem Thymian und hausgemachten Marmeladen und Joghurt serviert. Während der Erntezeit nimmt die Familie häufig das gleiche Mahl als Lunchpaket mit gesalzenen Oliven, Tomaten und Salatgurken mit. Und fast jeden Abend finden Oliven einen Platz auf dem Esstisch.

Herr Darwish besitzt ein großes Landstück, zu dem vier Olivenhaine gehören. Er bekam es von seinem 76-jährigen Vater, der trotz seines Alters weiter sein eigenes Land bebaut.

„Mein Vater gab mir dieses Land, und jetzt bebaue ich es zusammen mit meiner Familie. Ich bringe meinen Kindern bei, wie sie das Land bearbeiten können.“ „Hier“, so ergänzte er demonstrativ, „haben wir eine Beziehung zu unserem Land.“

Herr Darwish und seine 46-jährige Ehefrau Zuhra haben acht Kinder. Zwei von ihren Töchtern sind verheiratet und haben Kinder. Mehrere Söhne besuchen derzeit die Universität, und der jüngste besucht die fünfte Schulklasse. Im Herbst, während der Olivenerntesaison, helfen die Kinder abwechselnd ihren Eltern.

Eines Vormittags im letzten September begab sich das Ehepaar und einer ihrer älteren Söhne, Matassem, zusammen mit ihrem weißen Esel auf den vierzigminütigen, anstrengenden Marsch zum Olivenhain der Familie am Berghang, der dem Dorf gegenüberliegt. Bis Oktober 2000 fuhr die Familie Darwish mit ihrem Auto zum Olivenhain. Doch nach dem Ausbruch der zweiten Intifada riegelten die israelischen Streitkräfte die Straße, die ihr Dorf mit dem anliegenden Berg verband, ab. Da sie ihre Ernte nicht mehr mit dem Auto transportieren können, sind sie nun von dem stets verlässlichen Esel als Träger schwerer Lasten abhängig.

Nach der Ankunft am Hain begannen Vater, Mutter und Sohn, Oliven von Hand zu pflücken und die Früchte zu sammeln, die eine farbliche Bandbreite von hellgrün bis dunkellila aufwiesen. Bis zum Ende des Nachmittags hatten sie zwei große Säcke gefüllt, die zusammen etwa 100 Kilo wogen.

Nachdem sie die schweren Lasten auf beiden Seiten des Esels verstaut hatten, machten sich die drei müden Pflücker auf den Heimweg. Unterwegs sagte Herr Darwish voraus, dass er und seine Familie innerhalb der nächsten sechs Tage mit dem Abpflücken aller Oliven in diesem Hain fertig würden und dann mit der Ernte in seinen anderen Hainen fortfahren könnten.



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