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Im aktiven Ruhestand

Bericht und Fotos von Peter Lemieux

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Der 73-jährige Pater Joseph Manikath, der neueste Ankömmling im Paulusheim in Edakkunnu, Indien, sitzt unruhig auf der Bettkante, als ein Mitarbeiter sich bemüht, ein Fernsehgerät in seinem neuen Zimmer zu installieren. Trotz des alltäglichen Charakters der Aufgabe, erscheint Pater Manikath besorgt. In dem einen Augenblick scheint er bereit, nach der Gehhilfe aus Metall an seiner Seite zu greifen, aufzustehen und dem Arbeiter Anweisungen zu erteilen, im nächsten lehnt er sich zurück und lässt Pater Augustin Thenayan, seinen Freund, Kollegen und Direktor des Seniorenheims, mit der Situation fertig werden.

Nach nur drei Tagen Aufenthalt im Paulusheim hat Pater Manikath immer noch mit der Gewöhnung an seine neue Heimat und den neuen Lebensabschnitt zu kämpfen.

„Bin ich mit meiner Pensionierung glücklich? Nein, noch nicht“, gab er zu. Der Eintritt in den Ruhestand hat den Priester deutlich verunsichert. „Dies ist jetzt aber meine Heimat, also muss ich glücklich sein.“

Nur für wenige Glückliche läuft die Pensionierung ohne jede Schwierigkeit ab. Sie haben sich das Datum seit Monaten, wenn nicht Jahren, im Voraus auf dem Kalender markiert. Eine lebenslange Vorbereitung nach Geist, Seele und Leib hat ihre möglicherweise bitteren Wechsel in den Ruhestand gemildert. Die einzige Überraschung könnte es sein, welche lange verloren geglaubten Freunde bei der Abschiedsfeier auftauchen.

Doch für viele kommt der Eintritt in den Ruhestand abrupt – mit Personalabbau in einer Firma, einer plötzlichen Krankheit oder, wie im Falle von Pater Manikath, einem schmerzhaften Sturz.

„Vor neun Monaten habe ich mir ein Bein gebrochen und konnte nicht mehr so gut zurechtkommen“, sagte der Priester, der Seminaristen 35 Jahre lang in Metaphysik und indischer Philosophie unterrichtet und drei verschiedene Pfarrstellen in der syro-malabarischen katholischen Erzeparchie von Ernakulam-Angamaly betreut hatte. „Ich hatte keine andere Wahl. Ich musste den Bischof um die Erlaubnis bitten, in den Ruhestand treten zu dürfen.“

Man hat behauptet, dass die Menschlichkeit einer Gesellschaft am besten daran gemessen werden könne, wie gut sie sich um ihre Senioren kümmere. Wenn dies stimmt, dann steht ein Urteil über die keralesische Gesellschaft noch aus.

Heute steht Kerala an der Spitze eines großen demografischen Wandels, der sich über Indien erstreckt: Die ältere Bevölkerung wächst, und im Zusammenhang damit sinkt die Anzahl junger Leute.

Verglichen mit anderen indischen Bundesstaaten, hat Kerala den größten Anteil älterer Menschen aufzuweisen. Im Jahr 2001 war über ein Zehntel seiner Bevölkerung 60 Jahre alt oder älter. Die Universität Kerala sagt voraus, dass dieser Anteil bis 2021 auf 16 Prozent und bis 2051 auf 30 Prozent steigen wird.

Als Erklärung für die Zunahme verweisen die Experten auf neuere Statistiken zur Volksgesundheit, die eine höhere Lebenserwartung, geringere Geburtenraten, sinkende Kindersterblichkeit, verbesserte Gesundheitsfürsorge, bessere Ernährung und eine höhere Alphabetisierungsrate in der Bevölkerung erkennen lassen.



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Tags: Kerala Priests Caring for the Elderly Retirement