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Ein harter Kampf

Warum Gesetze alleine die alte Kluft zwischen den Geschlechtern in Äthiopien nicht schließen können

Von Peter Lemieux

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An einem trockenen, sonnigen Morgen in Meki, einer verschlafenen Handelsstadt im östlichen Zentraläthiopien, rumpelt eine Karawane von Pferden gezogener Karren zu einer Haltestelle am Vordertor der katholischen Schule Meki heran und wirbelt dabei eine Staubwolke auf. Mit ordentlichen, blauen Schulunifor-men bekleidete, lärmende Schulkinder, die eng auf dem Karren zusammengepfercht sind, greifen nach ihren Rucksäcken, springen auf den verdorr-ten Boden und flitzen ¨ber die Schwelle in den Schulhof.

Die 1500 Schüler im Alter von 7 bis 18 Jahren von der ersten bis zur zwölften Klasse, warten auf das Erklingen der Morgenglocke und füllen dabei jede Nische des Schulhofs aus. Die jüngsten Kin-der unterhalten sich durch Spiele, durchstöbern ihre Rucksäcke und kichern. Ältere drängen sich in Grüppchen zusammen, einige plaudern, andere lernen für einen Test in Staatsbürgerkunde- und Ethikunterricht.

Wenn der Fortschritt in Äthiopien in diesen Tagen ein Wettrennen wäre, dann könnten diese Kinder offenbar auf einen guten Start hoffen. Doch ein näherer Blick zeigt, dass die Jungen begünstigt werden.

Wenngleich die katholische Schule Meki sich alle Mühe gibt, um ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu wahren — die Klassen ihrer Primarstufe setzen sich aus Jungen und Mädchen in gleicher Zahl zusammen -, aber die Anzahl der für die Klassen der Sekundarstufe der Schule angemeldeten Mädchen geht drastisch zurück. Jene Mädchen, die das Glück haben, an der Schule bleiben zu können, trifft die harte Realität der äthiopischen Tradition der Ungleichheit der Geschlechter härter als Gegenwind bei einem Kurzstreckenlauf.

Vor einem Metallzaun, der das Schulgelände umschließt, spricht Messeret Yohannes, eine 18-jährige Oberstufenschülerin, mit ihren Freundin-nen über die Zukunft. Alle erwarten, in Zukunft eine Hochschule besuchen zu können. Und alle hoffen, Fachkräfte entweder in der Buchhaltung, im Bankwesen, in der Erziehung oder in der Medizin zu werden. Angesichts der herausragenden Qualität der Schule sind hohe Ambitionen wie die ihrigen sicher realistisch. Man erwartet, dass von den Absolventen der Abiturklasse 94 Prozent eine Hochschule besuchen werden, verglichen mit 30 bis 35 Prozent im landesweiten Durchschnitt.

„Ich möchte Rechtsanwältin werden oder viel-leicht in die Wirtschaft gehen“, sagt Messeret, deren Stimme kühner und zuversichtlicher wird, nachdem die Jungen außer Hörweite sind.

Wie bei anderen Schülern an der Schule stammen die meisten dieser Mädchen aus Familien, die ihren Lebensunterhalt durch Ackerbau für den Eigenbedarf und Kleingewerbe verdienen. Als sie gebeten werden zu erklären, warum ihre Abitur-klasse zu weniger als 20 Prozent aus Frauen besteht, fangen die Mädchen an, alle auf einmal zu reden. Messeret durchbricht das Geschwätz, ergreift die Initiative und spricht für die Gruppe. „Das ist nur der wirtschaftliche Aspekt“, erklärt sie.

„Der Rückgang setzt überall im Land auf der Oberstufenebene ein, nicht nur an unserer Schule“, ergänzt der beliebte Schuldirektor, der Christliche Schulbruder Betre Fisseha.



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