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Der Alkoholismus wird zu Grabe getragen

Text vorbei Mariya Tytarenko, Fotos von Yuriy Dyachyshyn

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Im Jahre 1957 stand der vierjährige Viktor Proskuriakov in der Tür seines Elternhauses in Borylav, einer Kleinstadt in der Westukraine, und rief: „Mama, ich war im Himmel!“ Als Frau Proskuriakov ihren Sohn bat, ihr diesen Himmel zu zeigen, führte er sie zu einer alten Kirche, die die Sowjetbehörden geschlossen und in ein Museum des Atheismus umgewandelt hatten.

Wenn die ältere Frau diese Geschichte heute er- zählt, ist sie davon überzeugt, dass ihr Sohn zufäl- lig in eine insgeheim von Mitgliedern der damals nur im Untergrund existierenden griechisch-katho- lischen Kirche der Ukraine gefeierte Göttliche Liturgie hineingeraten war.

Jener vierjährige Junge ist heute ein glücklich verheirateter Vater zweier erwachsener Kinder und ein weithin bekanntes Mitglied der gebilde- ten Elite der Ukraine. Herr Proskuriakov, ein ver- sierter Architekt, hat mehr als 150 Projekte ausge- führt. Und als angesehener Professor und Dozent für Architektur an der Polytechnischen Nationalen Universität Lemberg (ukrainischer Name: Lviv) hat er etwa 200 Artikel, Aufsätze und Monographien publiziert, von denen viele ins Bulgarische, Fran- zösische, Italienische, Polnische und Russische übersetzt worden sind.

Viktor Proskuriakov ist zugleich ein geheilter Alkoholiker, der während der längsten Zeit seines Erwachsenenlebens mit der Krankheit gekämpft hat. Er begann im Alter von 14 Jahren zu trinken. Dies entwickelte sich rasch zu einer Gewohnheit und später zu einem schwerwiegenden Problem.

„In meiner Zeit als Universitätsstudent in Lem- berg und Moskau trank ich fast jeden Tag, genau- so wie jeder andere typische Student in sowjeti- schen Studentenwohnheimen“, sagt Herr Prosku- riakov, der ganz offen über seine ehemalige Alkoholabhängigkeit spricht.

In jener Zeit wurde es mit Argwohn betrachtet, wenn man unter seinen beschwipsten Kommili- tonen nüchtern blieb – jede nüchterne Person konnte nämlich ein KGB-Agent sein.

„Aufgrund dieser Tatsache“, fährt er fort, „er- mutigte das Sowjetsystem die Leute stark zu trinken, um sie gefügiger und willensschwächer zu machen. Zu diesem Zweck schuf das Regime viele Pseudo-Feiertage, die mit Wodka begossen wurden, darunter den Tag des Bergarbeiters, des Lehrers, der medizinischen Arbeitskräfte, des Arztes usw.“

„In der unabhängigen Ukraine leiden wir immer noch unter diesem betrüblichen postsowjetischen Vermächtnis, doch für gewöhnlich kämpft nie- mand dagegen an. Das Trinken ist zu einer Art Nationalsport geworden.“



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