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Erneuerte Orthodoxie

Text vorbei Victor Sonkin, Fotos von Julia Vishnevets

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Kiril Kaleda erinnert sich an 1990 als das Jahr einer ungewöhnlich reichen Apfelernte in der Region Moskau. Herr Kaleda, damals ein junger Geologe, war von Freunden eingeladen worden, beim Obstpflücken in einem kleinen Obstgarten bei ihrem Landhaus in Butowo, einem acht Kilometer südlich der Stadtgrenzen gelegenen Dorf, zu helfen. Als sie sich mit dem Auto dem Dorf näherten, fuhren sie an einem langen grünen Zaun entlang. Ein Freund wandte sich an Herrn Kaleda, zeigte auf den Zaun und sprach: „Wissen Sie, was das ist? Es ist ein schrecklicher Ort. Tausende Menschen wurden hier erschossen und begraben.“

Er konnte kaum ahnen, dass das Massengrab aufs Engste mit den Schicksalsschlägen in seiner eigenen Familie zusammenhing, die symptomatisch für alles das stand, was die Orthodoxe Kirche von Russland nach der Abdankung des Zaren im Jahre 1917 erdulden musste.

Während dreier aufeinanderfolgender Generatio-nen dienten Mitglieder von Herrn Kaledas Familie als orthodoxe Priester. Sein Großvater mütterlicherseits, Wladimir Ambartsumow, nahm seine Beru-fung zum Priestertum während seiner Studienzeit in Berlin an, wo er sich in christlichen Jugend-gruppen engagierte. Nachdem er kurz vor Aus-bruch des Ersten Weltkrieges nach Russland zurückgekehrt war, trat er ins Priesterseminar ein und wurde 1927 zum Priester geweiht.

In der Zeit seiner Priesterweihe lebten orthodoxe Kleriker in Russland gefährlich. Als die Bolschewiken im November 1917 die Macht ergriffen, kappten sie die Bande zwischen der orthodoxen Kirche und dem Staat. Die Kirche wurde ihrer besonderen Rechtsstellung beraubt und durfte ihre pastoralen Aufgaben im Militär, in den Gefängnissen und Schulen nicht mehr aus-üben. Unter dem militanten Atheismus wurden alle Religionen vor dem Gesetz gleichgestellt. Diese Maßnahme führte jedoch keinen demokratischen Säkularismus nach westlichem Vorbild herbei. Stattdessen setzten die Bolschewiken einen „roten Terror“ in Gang, der sich gegen orthodoxe Mönche und Nonnen sowie gegen „Konterrevolutionäre“ richtete, die man anti-bolschewistischer Aktivitäten verdächtigte. „Wir müssen allen Widerstand mit einer solchen Brutalität brechen, dass sie es mehrere Jahrzehnte lang nicht vergessen werden“, schrieb Lenin im März 1918.

„Je größer die Anzahl der Vertreter des reaktio-nären Klerus und der reaktionären Bourgeoisie, die wir hinrichten können, ... desto besser.“

Von 1918 bis 1922 wurden Zehntausende Pries-ter, Bischöfe, Mönche und Nonnen auf brutale Weise ermordet: Bei St. Petersburg banden Spießgesellen einen Erzpriester an einen Eisenbahnwaggon, der ihn so lange mitzerrte, bis er starb. Drei Priester auf der Krim wurden gekreuzigt. Sieben Nonnen in Woronesch wurden in einem Siedekessel ver- brannt. Ein Bischof aus Samara wurde gepfählt.

1921 schrieb Felix Edmundowitsch Dserschinski, der Leiter der Tscheka, der berüchtigten Geheim-polizei der Bolschewiken: „Die Kirche fällt ausei- nander; wir sollten zu ihrem Fall beitragen. ... Für uns steht der Kommunismus, nicht die Religion auf dem Spiel, und die Tscheka sollte sich auf [ihre] Ausrottung konzentrieren.“



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Tags: Russia Russian Orthodox Church Priests Soviet Union Revival/restoration