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Regenreich, Aber Wasserarm

Der fruchtbare indische Bundesstaat Kerala leidet an Wassermangel

Bericht und Fotos von Peter Lemieux

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Annieamma Josephs jährlicher Anflug von Selbstmitleid beginnt in der Regel Anfang Februar. Um 4 Uhr morgens reißt der schrille Klang ihres Weckers die Mutter zweier Kinder jäh aus tiefem Schlaf. Wenngleich die letzten Regenfälle des Nordostmonsuns kaum nur als Erinnerung an längst vergangene Zeiten bezeichnet werden können, reibt sie sich ihre Augen, weil die Suche nach Wasser ihre Gedanken beherrscht. Nachdem sie mühsam auf die Beine gekommen ist, begibt sie sich bergab, um dort Wasser zu holen. Trotz der Dunkelheit kann sie spüren, wie eine dicke Staubschicht ihre Füße bedeckt. Und dies ist erst der Anfang. Nicht vor Anfang Juni wird der Südwestmonsun die viermonatige Trockenzeit beenden.

„Und dann denke ich über meine Verantwortung für meine Jungen nach“, sagt Frau Joseph.

„Wer soll das sonst tun? Ich bin ihre Mutter, also muss ich gehen.“

Sie steht früh auf, um die Zeiten des großen Andrangs am Gemeindebrunnen zu meiden. Dessen Ergiebigkeit hatte in jüngerer Zeit abgenommen, und es lässt sich nicht absehen, wie lange der Wasservorrat reichen wird. Wenn sie bis zur Morgendämmerung wartete, müsste sie höchst-wahrscheinlich noch weitere 15 Minuten bergab zum nächsten Brunnen gehen. Daher mutet es ihr als ein fairer Tausch an, etwas Schlaf einzubüßen und dafür die Gewissheit zu haben, direkt an Trinkwasser heranzukommen.

Wasserschützer sind sich darüber einig, dass dermenschliche Grundbedarf an Wasser durch die Verbesserung der Gebrauchseffizienz, die Verabschiedung und Umsetzung von Wasserqualitätsstandards, die Verbesserung der Infrastruktur und die Erschließung neuer Quellen der Wasserversorgung, wie der Regenwassernutzung, gedeckt werden kann. Dies sind jedoch gewiss nicht die am leichtestenumzusetzenden Handlungsschritte. Allerdings sei,so behaupten sie, dieses Ziel durch hinlängliche Kapitalinvestitionen und politischen Willen zu verwirklichen, sogar in Frau Josephs Dorf Kallupalam,das versteckt hoch am Osthang der Westghats im südwestlichen indischen Bundesstaat Kerala liegt.

Damit das geschehen kann, muss Wasser jedochweniger als ein Rohstoff behandelt werden, derunbegrenzt verfügbar ist, und mehr als ein Gut,das niemandem persönlich, sondern der Gemeinschaft gehört, sodass die Verantwortung für seine Bewirtschaftung und seinen Gebrauch letztlich beider Ortsgemeinde liegt.

In Kerala überschreiten die schlechte Rohstoff-weiterverarbeitung, kurzsichtige landwirtschaftliche Anbaumethoden und politische Untätigkeit mittlerweile die Grenzen des Erträglichen. Wie ist esmöglich, dass Kerala, in dem jährlich eine durchschnittliche Niederschlagsmenge von über 3048 Litern pro Quadratmeter fällt (damit ist sie beinahedreimal höher als der indische Bundesdurch-schnitt), die geringste Pro-Kopf-Wasserverfügbarkeit in Indien hat? Sie ist sogar noch geringer als diedes nordwestlichen Bundesstaates Rajasthan, indem die Wüste Thar liegt.



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Tags: Kerala Farming/Agriculture Water Socioreligious programs