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Furchtlose Gnade

Die Deivadan-Schwestern bauen verlassene ältere Mensc hen in Kerala wieder auf

Text und Fotographien vorbei Peter Lemieux

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An einem frühen Morgen im Februar 2010 erfüllt der Klang einer Frühstücksglocke den Frauenbereich im Deivadan–Heim in Malayatoor, einem 14,5 km nördlich des Handelszentrums Ernakulam in Kerala gelegenen Dorf.

Eine Gruppe älterer Damen hat sich bereits um einen großen Tisch im Speisesaal der Einrichtung versammelt. Wenige Augenblicke, nachdem der Schall der Glocke verklungen ist, kommt Jaseena Muriyamvelil, eine junge Novizin der Kongregation der Deivadan–Schwestern, aus der Küche und trägt ein mit Reis und gelbem Curry gefülltes Gefäß. Sie stellt es mitten auf den Tisch und ergreift die Schöpfkelle. Wie auf ein Stichwort, erheben sich die eifrigen Frauen und reichen ihre Metallteller und –tassen hin.

Die mit einem safrangelben Habit bekleidete dreißigjährige Schwester Jiji Puthupparmbil geht um den Tisch herum. Ein großes Silbermedaillon, auf dem die Worte „Den Ärmsten dienen“ eingraviert sind, hängt ihr um den Hals. Sie redet fröhlich mit den Frauen, was ein breites Lächeln auf deren ansonsten weltverdrossenen Gesichter bringt. Alle Umstände der schweren Lebensverläufe der Frauen teilt sie mit diesem.

„Sie hatte Probleme mit ihrer Schwiegertochter“, sagt Schwester Jiji, indem sie auf die 75–jährige Thankamma hindeutet, die, als dieses Heim vor 13 Jahren seine Türen öffnete, dessen erste Bewohnerin war. Nachdem sie aus dem Haus ihres Sohnes hinausgeworfen worden war, hatte Thankamma niemanden mehr, an den sie sich wenden konnte, und wusste nicht, wo sie hingehen sollte. Sie stieg in einen Bus, dachte gar nicht näher über dessen Zielort nach und fand irgendwie ihren Weg ins Deivadan–Heim.

Während sie den Tisch umschreitet, tippt Schwester Jiji auf die Schulter einer gebrechlichen, älteren Frau, die neben Thankamma sitzt. „Sie ist blind.“

Nacheinander erläutert die Nonne die Gründe, warum die Frauen hier landeten: Verlassene, Taube, Geisteskranke, chronisch Kranke. Jede Lebensgeschichte klingt tragischer als die andere.

„Hier nehmen wir jeden auf, die Ärmsten der Armen, die Depressiven, die Verhassten, die Ungewollten, die Unversorgten, aus allen Religionen – Christen, Muslime und Hindus. Sehr rohe Menschen. Sehr unschuldige Menschen“, sagt sie.

„Die meisten sind älter als 70 Jahre. Wir widmen uns ihnen völlig, speisen sie, baden sie, waschen ihre Kleidung und lehren sie, wie sie beten und Gott lieben können.“

In den letzten Jahren hat eine schnelllebige, stärker säkularisierte und konsumorientierte Kultur Keralas althergebrachte agrarische Kultur mit ihrer traditionellen Familienstruktur immer stärker überlagert. Nur allzu oft leiden Senioren am allermeisten unter den sich wandelnden Werten in den Familien Keralas.



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Tags: Sisters Kerala Poor/Poverty Caring for the Elderly Mental health/ mental illness