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Voll der Gnade

Schwestern kümmern sich um aidskranke Menschen in Kerala

Text und Fotographien vorbei Peter Lemieux

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Ein Passant stößt nicht einfach zufällig auf den Gnadenhort. Das etwas von einer engen, unmarkierten Landstraße abgelegene Heim ist von Zäunen umgeben. Nur ein kleines, staubbedecktes Schild beschreibt das Gebäude mit seinem früheren Namen als Forschungs– und Rehabilitationskomplex Mar–Kundukulam–Denkmal. Sein langer, unbefestigter Zufahrtsweg schlängelt sich durch dichte Palmen und Büsche – gut außer Hör– und Sichtweite der nahe gelegenen, lebendigen Stadt Trichur. Wenn man sie herbeiruft, kennen die meisten Autorikschafahrer in Trichur den Ort nicht, und selbst jene, die ihn kennen, könnten durchaus genauso gut einen potentiellen Fahrgast abweisen. Wenn man sie darum bittet, können die meisten Einheimischen den An– fahrtsweg nicht zuverlässig beschreiben.

Doch für die Nirmala–Dasi–Schwestern, die den Gnadenhort betreiben, ist diese Unauffälligkeit genau das Richtige. Tatsächlich ist die Lage des Heims für Kinder und Erwachsene, die mit dem HI–Virus und mit Aids leben, absichtlich so gewählt worden.

„Wir haben in Pullazhi [20 km westlich von Trichur] Aidspatienten, und als die Ortsbewohner sich dessen gewahr wurden, ergaben sich große Probleme”, erinnert sich Msgr. Joseph Vilangadan, der 85–jährige Gründer der Gemeinschaft. „Wir sind mit dem Programm in den Gnadenhort umgezogen und halten dies eher verborgen, um Probleme zu vermeiden.”

An diesem Dienstag Vormittag jedoch ist das Leben, ebenso wie an den meisten anderen Vormittagen, auf den Fluren des dreigeschossigen Gebäudes, das mit von der CNEWA gespendeten Gelder erbaut wurde, alles andere als still.

Rund 32 HIV–positive Kinder – allesamt verwaist oder von ihren Familien im Stich gelassen – machen sich mit einer Energie für den Tag fertig, die derjenigen gesunder Kinder in ihrem Alter gleichkommt.

Im Speisesaal der Herrenräumlichkeiten verzehren die Kinder das Reis– und Curryfrühstück, das Schwes– ter Elsamma Ettumanukaran serviert hat. Sie necken einander, bis erwachsene Patienten, die mit ihnen zu Tisch sitzen, die Geduld verlieren und eingreifen.

In den Damenräumlichkeiten drängeln sich Mädchen um die besten Plätze vor dem gemeinsamen Spiegel. Ein Mädchen lächelt, während es seine Schuluniform zurechtrückt; ein anderes ist auf einen genaueren Blick aus. Hinter ihnen steht Schwester Jessy Neelamparambil und hilft ihnen, die Haare zu binden. Mit 23 Jahren ist sie die jüngste der fünf Nirmala–Dasi–Schwestern, mit denen der Gnadenhort besetzt ist. Von der magnetischen Kraft des Spiegels befreit, musizieren, singen und tanzen andere Mädchen im benachbarten Schlafsaal.



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