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Am Ufer des Jordan

Die Königliche nachkommenschaft Mohammeds bewahrt das Christliche erbgut

Von Nicholas Seeley

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In einer am Ostufer des Jordan gelegenen offenen Holzhaus leitet Pater Gianluigi Corti eine Gruppe italienischer Pilger bei der Erneuerung ihrer Taufgelübde an. Der Fluss ist heute nur wenig mehr als ein schlammiges Rinnsal, das im Laufe der Jahre entwässert worden ist, um den Trinkwasserbedarf der wachsenden Bevölkerung des Heiligen Landes zu decken. Es ist dort still, sieht man vom Gesang italienischer Lieder und deutlich vernehmbarem Insektengezirpe ab. Letzteres ist ein in dieser trockenen, heißen Region des Haschemitischen Königreiches Jordanien, die als das Tal des Rieselwassers, oder auf Arabisch als Wadi el Kharrar bekannt ist, ständig zu hören.

Pater Corti schließt die schlichte Tauferneuerungsfeier ab, indem er eine Plastikflasche in ein schweres Steinbecken, das mit Wasser aus dem Fluss gefüllt ist, eintaucht und den Inhalt langsam über die Häupter der Pilger ausgießt. Als Gemeindepfarrer hat er schon viele Pilgerreisen ins Heilige Land geleitet.

„Europa ist nicht die Lebenswelt der Bibel“, sagt er. „Wenn man das Land der Bibel nicht selbst kennt, kann man nicht wissen, was die Bibel ist.“

Einen kurzen Fußmarsch entfernt liegen die Ruinen einer frühen christlichen Kirche.

Die Ende der 1990er Jahre von einer Archäologengruppe unter Leitung von Dr. Muhammad Waheeb ausgegrabenen Ruinen gehören zu einem Gebäudekomplex, der gegen Ende des 5. Jahrhunderts erbaut wurde. Sie markieren die Stelle, die die frühen Christen für die Taufstätte Jesu hielten. Es handelt sich bei ihr um denselben Gebäudekomplex, der in Pilgerberichten aus dem 5. bis 7. Jahrhundert beschrieben wird.

Nicht fern vom Flussufer, erhebt sich die goldene Kuppel einer neuen Kirche, die auf einem von der jordanischen Königsfamilie gestifteten Grundstück erbaut ist. Das dem heiligen Johannes dem Täufer geweihte orthodoxe Heiligtum ist das augenfälligste Monument in einem Gebiet, das man lange für das biblische Bethanien jenseits des Jordan hielt, wo Johannes der Täufer lebte, preigte und seinen Vetter Jesus taufte. Es bezeugt auch auf eindrucks–volle Weise das persönliche Engagement der Haschemiten, des vom Propheten Mohammed abstammenden jordanischen Königsgeschlechts, für die Entwicklung der christlichen, jüdischen und muslimischen heiligen Stätten des Königreiches.

Jordanien beheimatet ein ganzes Mosaik an biblischen Stätten. So rang beispielsweise Jakob in der Nähe des Flusses Jabbok (arabisch: Nahr ez–Zara) mit dem Engel und empfing den Namen Israel. Vom Berg Nebo aus blickte Moses auf das Verheißene Land. Der Prophet Elias fuhr vom Ostufer des Jordan aus, das später auch als Wirkungszentrum Johannes des Täufers fungierte, in einem feurigen Wagen in den Himmel auf.



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